Nährstoff-Lockout bei Cannabis – Mangel trotz Dünger

Die Pflanze zeigt Magnesiummangel, obwohl der Dünger reichlich Magnesium liefert. Grower nennen das Nährstoff-Lockout, ein Wort aus der Anbaupraxis für einen Mangel trotz Angebot. Dahinter stecken ein unpassender pH oder ein Gegenspieler, also ein Nährstoff im Überschuss, der einen anderen verdrängt. Auch Niederschläge im Tank, zu viel Salz und ein gestörter Wurzelraum kommen als Ursache in Frage. Wer einfach mehr vom fehlenden Nährstoff gibt, behebt keine dieser Ursachen.

Bei welchem pH werden welche Nährstoffe knapp?

Ein zu hoher pH macht vor allem Spurennährstoffe knapp, also Nährstoffe wie Eisen, die die Pflanze nur in kleinen Mengen braucht. Ein zu tiefer pH bremst dagegen Calcium, Magnesium und Molybdän. Der pH-Wert gibt den Säuregrad einer Lösung an und entscheidet, ob ein Nährstoff gelöst bleibt und die Wurzel ihn erreicht. Die Schwellen für Erde in der Tabelle stammen aus der Bodenkunde. Erdlose Substrate sind Topfmaterialien ohne Erde wie Torf, Kokosfaser oder Steinwolle, und in der Hydrokultur wachsen die Wurzeln direkt in der Nährlösung, also der fertig gemischten Gießlösung. Für Kokos, Steinwolle und Hydrokultur sind an Cannabis keine Schwellen je Element gemessen.

Medium und pHWas passiert
Erde unter pH 6,0Phosphor, Kalium und Schwefel werden knapper
Erde unter pH 6,5Calcium wird knapper
Erde zwischen pH 6,5 und 8,5Magnesium ist am besten verfügbar
Erde über pH 7,0Molybdän wird besser verfügbar
Erde über pH 7,5Bor, Eisen und Mangan werden knapper
Erde über pH 8,0Kupfer und Zink werden knapper
Erde zwischen pH 7,6 und 8,4Kalium wird erneut knapper
Erde stark sauer oder stark alkalischStickstoff wird knapper
Erdloses Substrat über pH 6,5Bor und Kupfer sowie Eisen, Mangan und Zink werden schlecht aufgenommen
Nährlösung über etwa pH 6ungebundenes Eisen, Mangan, Zink und Kupfer fällt aus; ein Chelat hält diese Metalle gelöst
Hydrokultur unter pH 5,5Eisen und Mangan werden übermäßig löslich; Calcium und Magnesium werden gebunden und schlechter verfügbar
Torfsubstrat unter pH 5,3Calcium- und Magnesiummangel drohen, Mangan kann giftig werden
Cannabis in Torf-Perlite bei sehr tiefem pHbei üblicher Gabe Wuchsstockung; Bronze an unteren Blättern nur bei vierfacher Spurennährstoffgabe
Pflanzen allgemein bei tiefem pHMolybdänmangel ist als einziger Spurennährstoffmangel an tiefen pH gebunden
  • Den pH dort messen, wo die Wurzel sitzt: im Tank oder im Sickerwasser, also in der Lösung unten aus dem Topf.
  • Die Zielbereiche je Medium im Artikel zur Nährstoffdiagnose nachschlagen.
  • Fehlen mehrere Spurennährstoffe zugleich, zuerst den pH prüfen und dann den Dosierer.
  • Bei Chlorose, also Vergilbung, junger Blätter zuerst den Substrat-pH messen und erst danach Eisen nachdüngen.
  • Bei Wuchsstockung und sehr tiefem pH zuerst den pH anheben und die Spurennährstoffe weiter geben.
  • Den Erfolg am Neuaustrieb ablesen und nicht an alten gelben Blättern.

Was schiebt den pH an der Wurzel weg?

Den pH im Wurzelraum verschieben das Gießwasser, die Stickstoffform und die Phosphorversorgung. Im Gießwasser fängt das Hydrogencarbonat, im Handel oft Bicarbonat genannt, zugegebene Säure ab. Liegt es über 120 ppm, also über 120 mg je Liter, treibt es den pH mit der Zeit nach oben. Die NC-State-Gruppe, ein Team von Pflanzenernährern der North Carolina State University, beobachtet in erdlosen Substraten dann Eisenmangel. Stickstoff nimmt die Pflanze als Ammonium oder als Nitrat auf. Ammonium säuert den Wurzelraum an, reines Nitrat dagegen hob im Cannabisversuch den pH im Sickerwasser über den Wert der Zufuhr.

Fehlt Phosphor, säuert die Wurzel ihre Umgebung selbst an, und der pH im Sickerwasser fiel dabei auf 4,5 gegenüber 5,8 bei guter Versorgung. Calcium und Magnesium lagen dann im Gewebe niedriger, doch dass die Ansäuerung diesen Rückgang auslöst, ist nur vorgeschlagen und nicht gemessen. Wer den pH mit Kalk anhebt, gibt Calcium mit; im Hanfversuch stieg das Blatt-Calcium dabei von 1,03 % auf 2,86 %. Auch Kaliumbicarbonat, ein Kaliumsalz der Kohlensäure, hebt den pH, bringt aber viel Kalium mit. Damit springt der Leitwert, kurz EC, der alle gelösten Salze zusammen misst.

  • Die Wasseranalyse des Versorgers lesen oder das Gießwasser untersuchen lassen.
  • Über 120 ppm Hydrogencarbonat das Gießwasser ansäuern.
  • Bei reinem Nitratdünger den pH im Sickerwasser messen.
  • Sinkt der pH im Sickerwasser ohne Säurezugabe, die Phosphorzufuhr prüfen.
  • Beim Aufkalken das Calcium aus dem Kalk mitrechnen.
  • Nach einer Gabe Kaliumbicarbonat am nächsten Tag mit klarem Wasser spülen.

Welche Nährstoffe verdrängen sich gegenseitig?

Fachleute nennen das Verdrängen durch einen Gegenspieler Ionenantagonismus, und an Cannabis drückten vor allem Kalium, Magnesium und Stickstoff im Überschuss Calcium und Magnesium. Die Cannabiswerte stammen aus Versuchen in Perlite, einem gebrannten Vulkangestein, das kaum Nährstoffe bindet. Jeder dieser Versuche lief mit einer oder zwei Sorten, und für Kokos, Erde und Steinwolle sind die Werte nicht nachgemessen. Gemessen wurden niedrigere Gehalte und nicht in jedem Fall ein sichtbares Mangelbild. Als Schadensursache nennen die Autoren den Rückgang nur in zwei Reihen, nämlich unter viel Kalium und unter viel Ammonium.

Über viele Kulturen hinweg waren von 117 Wechselwirkungen auf den Ertrag 17 hemmend. Auf den Ertrag wirkt eine Verdrängung erst, wenn der verdrängte Nährstoff ohnehin knapp ist. Das Mulder-Diagramm ist ein Schaubild solcher Wechselwirkungen und geht auf einen Tagungsbeitrag zum Obstbau von 1953 zurück. Verbreitet wird es vor allem von Düngerherstellern, die dabei keine Literatur angeben.

Im Überschusssenktbelegt an
KaliumCalcium und Magnesium in Blatt, Stängel und Wurzel; in der Wurzel auch Zink, Eisen und ManganCannabis
MagnesiumCalcium und Kalium sowie Mangan und ZinkCannabis
Stickstoff über dem BedarfPhosphor, Calcium und Magnesium in der Wurzel; Mangan in Blatt und StängelCannabis
AmmoniumCalcium und MagnesiumCannabis
NitratPhosphorCannabis
ZinkEisen im SprossCannabis
PhosphorZink in der Wurzel; in einem zweiten Versuch stieg das Blatt-Zink leichtCannabis, nicht entschieden
KaliumMagnesium; Magnesium senkt Kalium dort nichtFutterpflanzen
CalciumMagnesiumBoden, Gärtnerpraxis
Calcium und Magnesium zusammenKaliumGewächshausgurke
PhosphorEisen und Mangan sowie ZinkAckerkulturen und Zierpflanzen
Phosphor ab etwa 30 ppmEisenZierpflanzen, empfindliche Arten ab 15 ppm
Mangan oder Zink oder KupferEisenFeld- und Gewächshauskulturen
AmmoniumKalium; an Cannabis lag das Blatt-Kalium unter viel Ammonium höherandere Pflanzen
Schwefel im ÜberschussBor und MolybdänFachartikel ohne Primärquelle
  • Dünger und Gießwasser zusammenrechnen und prüfen, welcher Nährstoff weit über dem Bedarf liegt.
  • Dünger mit viel Kalium oder Phosphor gezielt prüfen.
  • Den Gegenspieler senken und die Menge des fehlenden Nährstoffs gleich lassen.
  • Bei Calcium- oder Magnesiummangel den Stickstoff nicht über den Bedarf heben.
  • Bei Zinkmangel die Phosphorzufuhr prüfen.
  • Eine Laboranalyse von Lösung oder Substrat machen lassen, um den Nährstoff im Überschuss zu finden.

Warum fällt im Tank oder in der Stammlösung etwas aus?

Calcium bildet mit Sulfat Gips und mit Phosphat Calciumphosphat, und beides löst sich schlecht. Calciumdünger kommen deshalb in eine andere Stammlösung als Sulfat- und Phosphatdünger, also in ein anderes Konzentrat, aus dem später die Gießlösung verdünnt wird. Auch Bittersalz, chemisch Magnesiumsulfat, wird nicht mit Calciumdünger angesetzt. Stammlösungen sollen einen pH unter 5 haben, damit sich alles löst. Unter pH 3,5 zerfallen allerdings die Chelate, also Moleküle, die ein Metall binden und in Lösung halten. Wie ein Chelat gebaut ist, erklärt der Artikel zum Chelat.

Mangan, Zink und Kupfer als Sulfat tauschen Eisen aus dem Chelat, und je nach pH gehen so 20 bis 50 % des Eisens verloren. Auch UV-Licht und Ozon zur Desinfektion zerstören Chelate teilweise. In einer geschlossenen Hydrokultur wird die Lösung nur nachgefüllt und nicht getauscht, und dort bildete sich bei Cannabis bei doppelter Düngerstärke und viel Phosphor ein Niederschlag. Der Phosphor in der Lösung lag dabei niedriger als bei gleicher Gabe und einfacher Stärke. Die Autoren ordnen den Niederschlag als Calciumphosphat ein, analysiert haben sie ihn aber nicht.

  • Calciumdünger getrennt von Sulfat- und Phosphatdüngern ansetzen.
  • Stammlösungen auf einen pH zwischen 3,5 und 5 einstellen.
  • Bei Eisenmangel trotz Chelat prüfen, ob Mangan, Zink oder Kupfer als Sulfat im selben Ansatz stecken.
  • Bei Satz im Tank den Phosphor nicht über den Bedarf heben.
  • Das Eisenchelat nach dem pH wählen und die Zuordnung im Artikel zu Eisen nachlesen.

Wann bremst der Wurzelraum die Aufnahme?

Zu viel Salz, Nässe, Kälte und kranke Wurzeln bremsen die Aufnahme auch bei vollem Angebot. Steigt der Leitwert zu hoch, nimmt die Wurzel weniger Wasser auf, und Fachleute sprechen dann von osmotischem Stress. Bei Stickstoff über der besten Menge nennen die Autoren diese Last als einen von mehreren Gründen. Über die Zusammensetzung sagt der Leitwert nichts, und Spurennährstoffe tragen weniger als 1 % zu ihm bei.

Dauernasses Substrat begrenzt die Eisenaufnahme, und für Cannabis nennt die NC-State-Gruppe einen übersättigten Wurzelraum als Ursache von Eisenmangel. An Zierpflanzen wird Eisen knapp, wenn der Wurzelraum unter 13 °C fällt; für Cannabis fehlen dazu Messungen. Aus der Praxis kennt die NC-State-Gruppe Kälte und Pythium als Bremse für Eisen, wobei Pythium wie Fusarium zu den Erregern von Wurzelfäule gehört. In der Tiefwasserkultur hängen die Wurzeln in einem Behälter mit belüfteter Lösung. Dort senkte schon sanftes Sprudeln der Belüftung die Eisenaufnahme von Sonnenblume und Mais stark, während Tomaten kaum reagierten und Cannabis nicht getestet wurde.

  • Den Leitwert im Sickerwasser oder im Tank messen und mit dem eigenen Verlauf vergleichen.
  • Ist er hoch, die Düngermenge senken und mit klarem Wasser durchspülen.
  • Grenzen für Düngersalz und Kochsalz und das Ansäuern im Artikel zum Berechnen der Nährlösung nachlesen.
  • Dauernasses Substrat zwischen zwei Gaben abtrocknen lassen.
  • Die Temperatur im Substrat oder im Tank messen und nicht nur die Raumluft.
  • Wurzeln ansehen, bevor nachgedüngt wird.
  • In Tiefwasserkultur mit Eisenmangel den pH senken und den Phosphor knapp halten.
  • Bei Calciummangel im Neuaustrieb und feuchter, stehender Luft den Artikel zu Calcium lesen.

Wie geht man bei Mangel trotz Dünger vor?

Bei Mangel trotz Dünger behebt man zuerst die Ursache und düngt erst danach nach. Ein einfacher Mangel durch eine zu geringe Gabe ist kein Lockout, und auch Wurzelfäule, Schädlinge und Lichtstress erzeugen ähnliche Bilder. Wer auf ein Mangelbild aus Überschuss mit mehr Dünger reagiert, verschärft es. Bei Magnesiummangel durch zu viel Kalium hilft zum Beispiel weniger Kalium, während zusätzliches Bittersalz nach den Cannabisdaten das Calcium weiter drücken würde. Wie schnell sich der Neuaustrieb nach einer Korrektur erholt, ist für Cannabis nicht gemessen.

  1. pH und Leitwert an der Wurzel messen.
  2. Dünger und Gießwasser nebeneinanderlegen und den Nährstoff im Überschuss suchen.
  3. Wurzeln, Nässe und Temperatur im Wurzelraum prüfen.
  4. Bei vergilbten jungen Blättern Eisen erst nachdüngen, wenn ein zu hoher pH und zu viel Phosphor ausgeschlossen sind.
  5. Ebenso einen kalten Wurzelraum und Staunässe ausschließen.
  6. Auch Wurzelfäule, Larven der Trauermücke und Schäden durch Chemikalien wie Pflanzenschutzmittel ausschließen.
  7. Eine Laboranalyse von Lösung oder Substrat mit einer Blattprobe zusammen werten.
  8. Erst dann vom fehlenden Nährstoff mehr geben.
  9. Den Neuaustrieb beobachten.
  10. Blattbild und Salzschäden mit dem Artikel zum Erkennen von Nährstoffmangel lesen.
  11. Den Ort des ersten Zeichens mit dem Artikel zur Funktion der Nährstoffe abgleichen.

Quellen