Grauschimmel – Budrot durch Botrytis cinerea

In der sechsten Blütewoche sieht die Hauptblüte prall und gesund aus. Nur ein einzelnes kleines Blatt ragt gelb aus ihr heraus. Biegt man die Blüte auf, ist sie innen braun und matschig. Das ist Budrot, die Blütenfäule durch Grauschimmel. Der Pilz Botrytis cinerea zersetzt die Blüte von innen nach außen. Seine Sporen keimen fast nur dort, wo Wasser auf dem Gewebe steht.

Was ist Grauschimmel, und woher kommen die Sporen?

Grauschimmel wird von einem Pilz verursacht, dessen Sporen fast überall in der Luft schweben. Botrytis cinerea befällt über 1400 Pflanzenarten, darunter Erdbeere und Tomate. Von 178 Pilzen aus Blüten- und Stängelfäulen an Cannabis und Hanf waren 162 Botrytis cinerea. Das sind gut neun von zehn. Die Sporen heißen Konidien. Eine Spore ist 9–14 µm lang und mit bloßem Auge nicht zu sehen. Erst in Massen wirken sie wie grauer Staub, daher der Name. Das Pilzgeflecht im Gewebe heißt Myzel. Es ist anfangs weiß.

Die Sporen stammen von befallenen Nachbarkulturen, von liegen gebliebenen Pflanzenresten und von faulen Stängelstellen. Im Freiland überdauert der Pilz im Boden als Sklerotien. Das sind harte, schwarze Körnchen von 2–5 mm. Ganz frei von Sporen ist die Luft im Anbau kaum zu bekommen. Darum zielt die Vorbeugung vor allem darauf, dass Sporen nicht keimen.

  • Abgefallene Blätter und Pflanzenreste täglich aus dem Raum oder vom Beet tragen.
  • Schimmelnde Erdbeeren, Tomaten oder Zierpflanzen nicht neben Cannabis stellen.
  • Im Gewächshaus die Seitenwände schließen, wenn eine Nachbarkultur sichtbar schimmelt.
  • Die Zuluft eines Growraums filtern. Ein HEPA-Filter ist ein Feinstfilter, der die Sporenzahl senkt.

Wie gelangt der Pilz in die Blüte?

Eine Spore keimt fast nur in einem Wasserfilm und dringt meist an der Basis der Sugar Leaves ein. So nennen Grower die kleinen harzigen Blätter, die aus der Blüte ragen. Ohne freies Wasser keimt fast keine Spore, selbst bei 98 % Luftfeuchte. Auf nassem Nährboden keimten nach 18 Stunden 72–88 %. Pflanzensaft im Tropfen beschleunigt das stark. In Rhabarber-Blattsaft keimten schon nach 4 Stunden 94,9 % der Sporen. In reinem Wasser waren es nach derselben Zeit 2,8 %. Kälte verzögert die Keimung nur. Bei 5 °C beginnt sie nach 12 Stunden, bei 20 °C nach 3 Stunden.

Ein zweites Tor in die Blüte sind alternde braune Narben. Grower nennen diese Härchen Stempel. In den Stängel gelangt der Pilz über abgebrochene Seitenäste und an den Blütenansätzen des Hauptstängels. In Freilandhanf fressen sich Raupen in die Blüten. Ob frische Schnitte an Cannabis Botrytis einlassen, ist nicht geprüft. Bei Tomaten verliert eine glatte Schnittwunde in einem Tag die Hälfte ihrer Anfälligkeit.

  • Abgebrochene Äste sofort glatt unterhalb der Bruchstelle abschneiden.
  • Draußen ab Blühbeginn Pheromonfallen aufhängen. Sie locken die Falter mit Duftstoffen und zeigen den Flug an.
  • Blüten draußen regelmäßig auf Fraßlöcher prüfen.
  • Blätter glatt am Stängel und ohne Stummel entfernen. Das ist an Tomaten belegt, für Cannabis nicht geprüft.
  • Blüten nicht benetzen. Wegen der Taupunktgefahr gilt: Wer sprühen muss, sprüht so früh, dass die Blüten vor der Dunkelphase trocken sind.

Woran erkenne ich Budrot, und in welchem Stadium bin ich?

Das erste Zeichen ist meist ein einzelnes vergilbtes Sugar Leaf in einer sonst grünen Blüte. Es erscheint ab der fünften Blütewoche. Infektionen aus Woche zwei bis vier zeigen sich oft erst dann. Warum die Fäule erst ab Woche fünf sichtbar wird, ist nicht geklärt. Bei feuchtem Klima erfasst sie dann in drei bis sieben Tagen große Teile der Blüte. Nach einer Woche kann der ganze Blütenstand verloren sein.

  1. Ein Sugar Leaf vergilbt, wird braun und welkt. Außen wirkt die Blüte gesund.
  2. Innen wird das Gewebe braun und wässrig. Zwischen den Fingern zerfällt es feucht.
  3. Weißes Myzel wächst durch die Hohlräume im Inneren der Blüte.
  4. Eine graubraune Sporenmasse bedeckt die Blüte.
  5. Die Fäule kann in den Stängel übergehen. Der Ast darüber welkt oder bricht.

Andere Pilze sehen ähnlich aus. Weiße Watte mit schwarzen Körnern deutet auf Sclerotinia, den Erreger der Weißstängeligkeit. Rosa-weißes Myzel deutet auf Fusarium. Diese Pilzgattung kann Gifte bilden. Für die Entscheidung am Busch ist das gleich: Jede faule Blüte kommt weg. Vergilben dagegen die großen Fächerblätter von unten her, ist das meist Alterung oder ein Nährstoffproblem. Das Bild steht im Artikel über Nährstoffmangel.

  • Ab Woche fünf jeden Tag kontrollieren, die dichtesten Blüten zuerst.
  • Blüten mit gelben Sugar Leaves leicht aufbiegen und die Basis ansehen.
  • Unter jeder befallenen Blüte den Stängel auf braune, weiche Stellen prüfen.
  • Jede befallene Blüte mit Tüte schneiden, wie im letzten Abschnitt beschrieben.

Wann ist die Gefahr am größten?

Am größten ist die Gefahr, wenn sich Wasser auf dichten, reifen Blüten niederschlägt. Das geschieht vor allem beim Abkühlen. Kühlt feuchte Luft ab, kann sie ihr Wasser nicht mehr halten. Die Temperatur, ab der Tröpfchen entstehen, heißt Taupunkt. Bei 30 °C und über 90 % Luftfeuchte genügen 1,8 °C Abkühlung. Im Inneren einer reifen Blüte ist die Luft im Mittel 15,4 Prozentpunkte feuchter als im Raum. Im Gewächshaus kühlten Blüten nach dem Verdunkeln in 30 Minuten von etwa 36 auf 24 °C ab. Dass Cannabis sich nachts infiziert, ist damit plausibel, gemessen ist es nicht.

Kälte allein ist nicht das Problem. Der Pilz wächst bei 15–25 °C am besten und bei 30 °C gar nicht. Die Pflanze entscheidet mit. Sorten mit vielen Sugar Leaves erkrankten zu 30–70 %, eine Sorte mit deutlich weniger zu 15–30 %. Große, dichte Blüten trifft es öfter als kleine, lockere. In Versuchen fand sich keine resistente Pflanze. Sorten unterscheiden sich nur darin, wie oft und wie stark sie erkranken. Draußen häuft sich der Befall in Monaten mit kühlen Nächten und feuchten Tagen.

  • Temperatur und Luftfeuchte nachts in Blütenhöhe messen, nicht nur am Regler.
  • Liegt die Nachttemperatur nahe am Taupunkt, langsamer abkühlen oder stärker entfeuchten.
  • Die Abkühlung zur Dunkelphase abfedern und Luft weiter durch die Blüten bewegen.
  • Für feuchte Räume oder Herbsternten Sorten mit wenigen Sugar Leaves und lockeren Blüten wählen.
  • In Monaten mit kühlen Nächten und feuchten Tagen draußen täglich kontrollieren.

Wie beuge ich Budrot vor?

Vorbeugen heißt: Luft durch die Krone bewegen, Abstand halten und Nutzpilze früh einsetzen. Ventilatoren 25 cm über den Pflanzen mit 7 m/s senkten den Befall im Mittel um 81,2 %. Die Feuchte im Blüteninneren sank dabei um 11,6 Prozentpunkte. Eine statt zwei Pflanzen je Quadratmeter senkte den Befall ebenfalls. Das kostete aber 18–23 % Ertrag. Eine Ernte nach sechs statt acht Blütewochen senkte den Befall auch. Sie kann Ertrag und Wirkstoffgehalt kosten.

Trichoderma ist ein Nutzpilz, der die Blüte vor Botrytis besiedelt. Er wurde in Woche zwei, drei und vier gesprüht. Das senkte den Befall um 47–91 %. Im Labor wirkten Nutzpilze nur, wenn sie zwei Tage vor der Spore aufgebracht waren. Ein Mittel, das eine befallene Blüte heilt, ist nicht dokumentiert.

  1. Ab Woche zwei Ventilatoren etwa 25 cm über der Krone ausrichten, mit rund 7 m/s Luftstrom über die Blüten.
  2. Bei anfälligen Sorten weniger Pflanzen je Quadratmeter setzen und den Ertragsverlust einrechnen.
  3. Blattwerk im Kroneninneren auslichten. Das wird von Reben berichtet und ist für Cannabis nicht geprüft.
  4. In der Spätblüte 23–28 °C halten und die Luftfeuchte am unteren Ende von 50–70 %.
  5. Morgens die Temperatur höchstens um 2 °C pro Stunde anheben. Das wird für Tomaten empfohlen und ist für Cannabis nicht geprüft.
  6. Trichoderma vorbeugend in Woche zwei, drei und vier sprühen, nach Herstellerangabe.
  7. Bei hohem Befallsdruck früher ernten und den Ertragsverlust in Kauf nehmen.

Was tue ich mit befallenen Blüten, und was ist für die Gesundheit tabu?

Befallene Blüten kommen in einer geschlossenen Tüte aus dem Raum, sie werden nie verwertet. Das Abschneiden kann Sporen verbreiten. Bei Tomaten wird empfohlen, 5–10 mm über die sichtbare Fäule hinaus zu schneiden. Der Pilz wächst dem sichtbaren Schaden voraus. In der Blüte breitet er sich innen aus, außen oft unsichtbar. Auch der gesund aussehende Rest einer faulen Blüte ist deshalb nicht sicher.

Botrytis-Sporen können Allergien auslösen. Bei einer Freilandernte stammten 59 % der Pilz-DNA in der Atemluft der Arbeiter von Botrytis. Am höchsten waren die Werte bei Ernte und Trimmen. Faule Blüten können weitere Schimmelpilze wie Aspergillus oder Fusarium tragen. Manche bilden Gifte, die auch eine Bestrahlung der Blüten überstehen. Menschen mit geschwächter Abwehr erkrankten nach verschimmeltem Cannabis an Aspergillose. Das ist eine Pilzinfektion der Lunge. Ob Botrytis selbst für Menschen giftige Stoffe hinterlässt, ist nicht untersucht. Wie die gesunde Ernte ohne neuen Schimmel trocknet, steht im Artikel über das Trocknen.

  1. Eine Tüte über die Blüte stülpen und erst dann darunter abschneiden.
  2. Großzügig im gesunden Gewebe schneiden, bei Tomaten sind es 5–10 mm.
  3. Am selben Tag Nachbarblüten und den Stängel darunter prüfen.
  4. Latexfreie Handschuhe tragen. Eine Behördenempfehlung für Atemschutz gibt es nicht; Allergiker tragen trotzdem eine FFP2-Maske.
  5. Die Tüte aus dem Anbau entfernen, denn Pflanzenreste sind eine Sporenquelle.
  6. Nie faule Blüten rauchen, verdampfen oder zu Extrakt, Hasch oder Butter verarbeiten.
  7. Nie die faule Stelle herausschneiden und den Rest der Blüte trocknen.

Quellen