Blattseneszenz bei Cannabis – Altersvergilbung in der Blüte
In der sechsten Blütewoche werden die untersten Fächerblätter gelb, also die großen, gefingerten Blätter an Stamm und Ästen. Wer in diesem Moment nachdüngt, hält das Bild für einen Nährstoffmangel. In einem Versuch trat dieselbe Vergilbung aber auch bei voller Versorgung auf, und weder der gelöste Dünger noch das Blatt zeigten dort einen Mangel. Diese Altersvergilbung heißt Blattseneszenz.
Woran erkenne ich Blattseneszenz?
Die Vergilbung beginnt an den ältesten Fächerblättern und steigt in der späten Blüte von unten nach oben. Im einzelnen Blatt läuft das Gelb vom Rand zur Mittelrippe, also zur Hauptader in der Mitte jedes Teilblatts. Der Rand wird deshalb zuerst gelb, während die Mittelrippe am längsten grün bleibt. Im Versuch begann die Vergilbung mäßig in der sechsten Blütewoche und nahm bis zur Ernte Woche für Woche zu.
Das galt für die Sorte „Gelato 29“ in Tiefwasserkultur, bei der die Wurzeln in einer belüfteten Nährlösung hängen, also in Wasser mit gelöstem Dünger. Woche sechs ist damit ein Wert für eine Sorte in einem System. Die Reifezeit hängt an der Sorte, und eine sortenübergreifende Messung fehlt. Eine Vergilbung, die oben beginnt, passt nicht zu diesem Verlauf.
- Die Blütewoche notieren, in der die Vergilbung beginnt.
- Nachsehen, ob es an den ältesten Fächerblättern unten anfängt oder am Neuaustrieb, also an den jüngsten Blättern der Triebspitzen.
- Im Teilblatt prüfen, ob der Rand zuerst gelb wird und die Mittelrippe zuletzt.
Warum wird das Blatt gelb, obwohl genug Dünger da ist?
Nach der Deutung der Forscher gibt das alte Blatt seine Nährstoffe an die Blüte ab. Gemessen wurden die Gehalte in Blüte und Blatt an der Sorte „T1“, die viel CBD bildet, also einen nicht berauschenden Wirkstoff. Sie wuchs in Tiefwasserkultur, und die Messung lief acht Wochen Blüte lang. Bei der Ernte lagen viele Nährstoffe in der Blüte deutlich höher als im Blatt. Die Forscher erklären das mit der laufenden Aufnahme und einer Verlagerung aus den alternden Blättern. Diese Verlagerung liefe über das Phloem, also die Saftbahn für Zucker und gelöste Stoffe. Dabei verliert das Blatt den grünen Blattfarbstoff Chlorophyll und wird gelb.
| Nährstoff | Gehalt in der Blüte gegenüber dem Blatt |
|---|---|
| Stickstoff, Kalium, Schwefel | etwa doppelt so hoch |
| Eisen, Mangan, Molybdän | etwa doppelt so hoch |
| Phosphor | rund 2,5-fach |
| Kupfer | 2,8-fach |
- Bei unauffälliger Nährlösung die späte Vergilbung der ältesten Fächerblätter nicht als Mangel behandeln.
- Die Nährlösung wie geplant weitergeben.
Wie unterscheide ich Seneszenz von einem Mangel?
Bild und Zeitpunkt geben Hinweise, aber erst eine Blatt- und eine Lösungsanalyse sichern sie ab. Bei der Blattanalyse misst ein Labor die Nährstoffe im getrockneten Blatt. Die Lösungsanalyse misst sie in der Nährlösung oder im Sickerwasser, das unten aus dem Topf läuft. Ein Nährstoff heißt mobil, wenn die Pflanze ihn aus alten Blättern abziehen kann, und fehlt er, leiden zuerst die unteren Blätter. Ein Kaliummangel beginnt ebenfalls am Rand, doch dort wird das Gewebe bald braun und stirbt ab. Im Versuch begann in der Blüte auch ein Calciummangel unten, und deshalb entscheidet der Ort allein nicht. Ohne die Analysen hätte die Altersvergilbung im Versuch wie ein beginnender Stickstoff- oder Magnesiummangel ausgesehen.
| Merkmal | Altersvergilbung | Mangel |
|---|---|---|
| Zeitpunkt | späte Blüte | in jeder Phase möglich |
| Beginn | älteste Fächerblätter unten | je nach Nährstoff unten oder oben |
| Verlauf im Blatt | gelb vom Rand zur Mittelrippe | Magnesium zwischen den Adern, Stickstoff gleichmäßig |
| Tempo | langsam über Wochen | schneller (mobile Nährstoffe) |
| Blattanalyse | mehrere mobile Nährstoffe sinken zugleich | ein Wert bricht allein ein |
| Lösungsanalyse | unauffällig | der fehlende Nährstoff ist auch dort niedrig |
- Bild, Blattanalyse und Lösungsanalyse gemeinsam lesen.
- Bei unklarem Bild eine Blattprobe ins Labor geben und die Probenahme im Artikel zur Nährstoffdiagnose nachlesen.
- Nährlösung oder Sickerwasser messen und prüfen, ob der fragliche Nährstoff dort normal ist.
- Die Mangelbilder mit ihrem Verlauf im Artikel zum Erkennen von Nährstoffmangel vergleichen.
Soll ich bei später Vergilbung nachdüngen?
Nein, wenn es Altersvergilbung ist, denn nach den voll versorgten Vergleichspflanzen des Versuchs bringt Nachdüngen hier nichts. Eine Zusatzgabe erreicht nach dieser Schlussfolgerung nur die jüngeren Blätter, die noch Nährstoffe aufnehmen.
- Bei Altersvergilbung die Düngung nicht erhöhen.
- Erst nachdüngen, wenn Blatt- oder Lösungsanalyse einen Mangel zeigen.
- Den Neuaustrieb beobachten und bei vergilbendem Neuaustrieb nach einer anderen Ursache suchen.
Verstärkt Spülen vor der Ernte die Vergilbung?
Das ist möglich, aber nicht gemessen. Beim Spülen bekommt die Pflanze in den letzten Wochen vor der Ernte nur klares Wasser. Die Forscher des Seneszenz-Versuchs halten es für möglich, dass dies das Mangelzeichen verstärkt oder die Alterung beschleunigt, das Spülen selbst haben sie aber nicht geprüft.
- Gelbe Fächerblätter nach dem Spülen weder als Erfolg noch als Mangel lesen.
- Vor dem Spülen den Nutzen im Artikel zum Cannabis-Flushing nachlesen.
Quellen
- Llewellyn, Golem, Jones und Zheng 2023, Foliar Symptomology, Nutrient Content, Yield, and Secondary Metabolite Variability of Cannabis Grown Hydroponically with Different Single-Element Nutrient Deficiencies, Plants 12(3):422
- Hershkowitz, Westmoreland und Bugbee 2025, Elevated root-zone P and nutrient concentration do not increase yield or cannabinoids in medical cannabis, Frontiers in Plant Science 16:1433985
- Cockson, Landis, Smith, Hicks und Whipker 2019, Characterization of Nutrient Disorders of Cannabis sativa, Applied Sciences 9:4432